Freie Presse: “Am Ende klebt der Fußboden”

Freie Presse: “Am Ende klebt der Fußboden”

“Meerane ist nicht für seine Ausgehkultur bekannt – es sei denn, es ist Kneipenmeile. Ein Streifzug durch die City.”

Von Christian Meyer
erschienen Freie Presse am 10.04.2017

20.30 Uhr: Wer sich für eine lange Nacht einstimmen will, macht mit Irish Folk nichts falsch. Den verspricht der “Obst- und Gartenbau”, wo sich bereits jetzt ganz Meerane und Umland eingefunden hat. Irisches Bier gibt’s am Ausschank zwar nicht, aber ein Pils tut’s auch. Vom Kilkenny- und Guinness-Manko zeigt sich das Publikum unbeeindruckt. Die Gruppe Rattlin’Bog schmettert einen Folk-Hit nach dem nächsten, draußen leistet derweil René Ezold am Grill Fließbandarbeit. “Ich hab’ bereits für 60 Euro verkauft”, sagt er und reicht die nächste Roster weiter. 21.15 Uhr: Vor der Tanzbar “Foxx” ist beinahe ein wenig mehr los als innen, vielleicht liegt es an den belegten Brötchen vorm Eingang. Die Live-Musik kommt offenbar vom DJ-Pult. An einem Stehtisch verbreiten Heike Reinhardt und Birgit Graichen Stimmung. Die zwei wollen zwar auf das Partybild, verraten aber dem Fotoreporter erst nach viel Überredungskunst ihr Alter. Ein paar Komplimente später geht’s weiter.

21.55 Uhr: Im Café Wunderlich sitzt Sylvia Steinert zufrieden in einer Ecke, während die Sängerin “Losing my Religion” anstimmt. “Wir haben uns kurzfristig entschlossen, bei der Kneipenmeile mitzumachen”, sagt Steinert, deren Sohn Marcel hinter dem Tresen mit drei Kollegen den Barbetrieb schmeißt. Ihr Café ist dieses Jahr erstmals mit dabei. “Und ich bin sehr zufrieden, wie es läuft.” Überhaupt: So etwas sollte es öfters geben. “Gerade im Sommer lohnt sich das doch.”

22.20 Uhr: Gutes Timing ist beim Kneipen-Hopping viel Wert. Beim Wechsel ins Lokal “Schöne Aussicht” am Remser Weg sind die Jungs von Rock Ambulance jedenfalls gerade mit ihrer Zigarettenpause fertig und läuten zur nächste Runde. Weil auch ihr Timing stimmt, haben sie die Gäste längst für sich gewonnen. Es wird getanzt, auch weil dazu noch Platz im Lokal ist – oder besser gesagt wieder. “Vor zwei Stunden war hier die Hölle los”, sagt Ines Riedel hinter der Theke. “Dagegen ist es jetzt entspannt.” Auch die “Schöne Aussicht” ist nach einer Pause wieder mit an Bord der Kneipenmeile. “Wir waren skeptisch, weil wir etwas außerhalb liegen. Aber die Resonanz ist toll.” Den “Freie Presse”-Reportern bietet sie Kaffee an. “Sie haben ja noch eine lange Nacht vor sich.”

22.55 Uhr: In der Pestalozzistraße machen sich Judith, Ellen und Daniela im Rockabilly-Outfit und in leicht angeheiterter Stimmung auf zur Stadthalle, wo sie beim Abschlusskonzert hinter dem Tresen stehen. Neben Timing ist gute Laune eine harte Währung in dieser Nacht.

23.05 Uhr: Die “Cadillac Bar” platzt aus allen Nähten. Ein Grund dafür ist schnell ausgemacht: Die Crash Cats spielen, als seien sie gerade aus den 1950ern gekommen. Inhaber René Jacobi, der die Kneipenmeile organisiert, muss sich wie alle anderen auch durch die Menschenmengen zwängen. “Irre”, sagt er und meint damit die 1500 Gäste, die in dieser Nacht unterwegs sind.

23.45 Uhr: Im Café Schöberlein singt die Zweier-Gruppe Clover das Lied “Zu nahe am Feuer” – ein älteres Paar knutscht auf der Tanzfläche. Draußen scheint ein Beinahe-Vollmond durch die dünne Wolkendecke. Und bestimmt singt irgendwo eine Nachtigall.

0.15 Uhr: In der Stadthalle macht sich Mr. Twist für das Finale bereit. Etwa 100 Leute beäugen die Tanzfläche aber noch skeptisch. “In einer halben Stunde ist hier alles voll”, sagt Toralf Etzold hinterm Tresen.

0.45 Uhr: Etzold hat Recht behalten. Gäste zählen macht keinen Sinn mehr, eher schon auf’s Bierglas zu achten, das durch die vielen Rempler schneller leer zu werden droht als es soll.

4 Uhr: Die letzten Kneipenpilger verlassen die Halle, mitunter wankenden Fußes. Der Boden klebt. Auch im “Cadillac” hat René Jacobi die Tür zu gemacht. “Bis 3 Uhr waren hier noch Leute. Was soll ich sagen – es lief perfekt.” Am Sonntagmittag muss er wieder raus und aufräumen. “Ich freu’ mich aber schon auf die nächste Meile.”

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